Sich weniger irren?
Meist ist unser Gehirn effizient genug, damit unser Organismus seine täglichen Aufgaben erfüllen kann:
Ernährung, Schutz, Fortpflanzung...
Entschließt man sich jedoch, die Realität gründlich zu erforschen, stößt diese Effizienz schnell an ihre Grenzen.
Was bringt uns dazu, uns zu irren?
Woran erkennt man, dass man sich irrt?
Welche Mechanismen können unsere Sinne täuschen?
Wie passiert es, dass sich unser Gehirn „verheddert“?
Können wir Täuschungen überwinden und erahnen, was sich unseren Sinnen entzieht?
Heuristiken Das Gehirn und seine Abkürzungen
Die Welt ist groß, komplex und bewegt sich schnell.
Unser Gehirn muss ständig vorausschauen, um nicht überrumpelt zu werden.
Es lernt also, die Lücken zu füllen, ohne uns zu fragen.
Die kognitive Wissenschaft nennt dieses Phänomen: Heuristik.
Etymologisch bedeutet „Heuristik“ die „Kunst, Kohärenz herzustellen“. Angesichts eines sehr dringenden, umfangreichen oder komplexen Problems kann unser Gehirn es sich nicht leisten, auf sämtliche Informationen zu warten, bevor es reagiert.
Heuristik beschreibt, wie das Gehirn fehlende Informationen „vorausdenkt“, ganz ohne dass wir es bemerken.
Zum Beispiel das Gehen: Wir gehen jeden Tag, ohne groß darüber nachzudenken. Das Gehen mobilisiert die Muskeln in den Beinen, im Rücken, den Hüften und Schultern... Doch bewegen wir nicht jeden Muskel nacheinander. Wir wollen gehen – und gehen. Zum Glück! Sonst wäre jeder Schritt kompliziert und anstrengend.
Dennoch stolpern wir manchmal: Heuristiken sind unvollkommen. Sie sind nicht dazu da, um genau zu sein, sondern um uns Zeit und Energie zu sparen. Sie sind ausreichend wirksam und funktionieren meistens, in gewöhnlichen Fällen.
All unsere komplexen Handlungen beinhalten Heuristiken. Unsere Auswahlen, Entscheidungen, Geschmäcker und Handlungen werden von Mechanismen im Gehirn beeinflusst, die uns nicht wirklich bewusst sind. Sie ermöglichen es uns, die Komplexität zu überwinden und rechtzeitig zu reagieren. Aber sie sind auch wie Spurrinnen: Vor allem in Ausnahmesituationen können sie nicht korrekt sein und uns in Vorurteilen festhalten.
Die vier Wege
Heuristiken übernehmen die Führung, wenn unser analytischer Verstand überfordert ist.
Sie sind zahlreich und
lassen sich tausendfach klassifizieren, insbesondere nach den Arten der Umstände, in denen sie in Anspruch genommen werden.
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Sinn
finden: Die Welt ist komplex und wir müssen sie verstehen. Heuristiken helfen dabei, eine gewisse Logik darin zu sehen.
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Erinnerungen vereinfachen: Unser Gedächtnis hat seine Grenzen. Wir bevorzugen bestimmte Erinnerungen,
verändern und vergessen andere, um unsere geistige Belastung zu begrenzen. -
Informationsüberlastung einschränken: Wir werden von Reizen und Informationen überflutet. Heuristiken
helfen uns dabei, nur das aufzunehmen, was uns am wichtigsten erscheint. -
Schnell
handeln: Es ist unmöglich, ständig alles bis ins Detail zu analysieren. Unter bestimmten Umständen muss das Gehirn sofort
Entscheidungen treffen – auch wenn das bedeutet, es zu überstürzen.
Nudge and Sludge Der Einfluss des Kontexts
Wir sind soziale Lebewesen: Wir beeinflussen uns gegenseitig. Manche machen sogar einen Beruf daraus. Werbe- und Marketingleute, Architekten, Politiker, Spieleentwickler: Viele Berufe beabsichtigen, Aufmerksamkeit, Entscheidungen und Verhalten der Menschen zu beeinflussen.
Die Theorie von Nudge (engl. „Anstoß“) und ihrer dunklen Seite Sludge (engl. „Schlamm, Schlick“) gibt Einsicht darüber, wie große Gruppen sich beeinflussen lassen. Die Grundlagen sind einfach: Entschiedene Menschen lassen sich schwer umstimmen. Leichter ist es, Zögerer zu ermutigen oder zu entmutigen. Jemanden, der schon interessiert ist, kann man leichter zum Handeln anspornen und jemanden, der unsicher ist, entmutigen.
In der Praxis wird zum „Nudge“ eine Art der Darstellung eingesetzt, die Menschen dazu bringt, eine Wahl eher zu treffen als eine andere oder sich eher auf eine bestimmte Weise zu verhalten als auf eine andere. „Sludge“ ist das negative Gegenstück: Es ermutigt nicht zu einer Entscheidung, sondern entmutigt.
Nudges und Sludges stützen sich auf die Theorie der Heuristiken und kognitiven Verzerrungen. Sie schließen die bewusste Entscheidungsfindung kurz und sprechen die Teile unseres Gehirns an, die ohne uns denken. Nudges stellen die gewünschte Wahl als einfacher, schneller und verführerischer dar. Sie fördern unsere Heuristiken und streicheln unsere kognitiven Verzerrungen. Sludges dagegen ertränken uns mit Zweifeln, Zögern und Ängsten, indem sie Dinge verwischen oder komplizierter ausmalen, als sie sind. Sie lassen unsere unbewussten Alarmglocken läuten.
Haben Sie bemerkt…
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... dass es viel einfacher ist,
etwas zu abonnieren, manchmal ohne es kaum zu merken? -
... dass das Abbestellen des
Abonnements dagegen komplizierte Verfahren erfordert? -
... dass Markenprodukte in den
Supermarktregalen auf Augenhöhe liegen? -
... dass die günstigeren Artikel am
Boden oder über dem Regal stehen? -
... dass im Fastfood-Restaurant der
Preisunterschied zwischen „Menü“ und „Supermenü“ minimal ist? -
... dass in Katalogen die billigsten
Produkte oft am kleinsten und schwerer zu finden sind? -
... dass man bei IKEA durch das
ganze Geschäft laufen muss, um es wieder zu verlassen? -
... dass Kinder in Vergnügungsparks
darauf bestehen, Abfall in den Mülleimer zuwerfen, weil dieser sich dafür bedankt?
Kognitive Verzerrungen
Unser Gehirn hat sich nicht entwickelt, um das Funktionieren der Welt bis ins kleinste Detail zu begreifen.
Seine Aufgabe ist im Ursprung ganz einfach: Es soll uns ermöglichen, lang genug zu überleben, damit wir uns
fortpflanzen können, wie Darwin es erklärte.
Dabei nutzen wir es für vieles mehr!
Wir sind zur Vernunft fähig: Indem wir uns ein Bild von der Realität machen, können wir dank unserer Intelligenz, Wahrnehmung und unseres Gedächtnisses Entscheidungen treffen.
Da unser Gehirn dafür nicht angelegt ist, „klemmt es“ manchmal: Unsere Emotionen, Triebe, Instinkte, Vorurteile oder unsere Biologie können die Oberhand gewinnen und uns daran hindern, unsere Umwelt, Ursachen, Auswirkungen zu verstehen. Manchmal liegen unsere Heuristiken schief, sind nicht korrekt oder bringen falsche Schlussfolgerungen.
Diese Fehler sind heimtückisch: Sie entstehen meist durch unbewusste Prozesse und erscheinen uns oft als offensichtliche Wahrheit. Wissenschaftler nennen diese Fehler: kognitive Verzerrungen. „Verzerrung“, weil es sich um eine verzerrte Art der Beurteilung handelt, „kognitiv“ bedeutet auf das Denken bezogen.
Nicht gut, die Verzerrung?
Kognitive Verzerrungen lassen uns irrational handeln. Aber deshalb sind nicht alle unter allen Umständen schlecht. So lässt die Optimismusverzerrung uns glauben, Unglück, Unfälle und Fehler würden vor allem den anderen passieren. Sie kann uns stur machen und in heillose Unternehmungen stürzen. Das stimmt, aber wann würden wir ohne sie zur Tat schreiten? Sie bringt uns dazu, das ganze Leben lang neue Dinge auszuprobieren, von unseren ersten Schritten bis zu unseren Leistungen als Erwachsene.
Geschichten, die man sich erzählt
Drei Arten von kognitiven Verzerrungen drehen sich um die Geschichten, die wir erzählen: uns selbst, einander, den anderen oder über andere. Geschichten haben eine Stärke: die Stärke, zu überzeugen. Sie dringen in der realen Welt in die Vorstellung der Menschen ein, was nicht verwunderlich ist.
Schließlich möchte man an die besten Geschichten glauben!
Aber wie kann man dann den Unterschied zwischen Realität und Fiktion erkennen? Nicht so einfach...
Fiktionale Verzerrung
Das Jahr 2007. Seit dem Terroranschlag vom 11. September 2001 befinden sich die USA im „Krieg gegen den Terror“. Der damalige Richter am Obersten Gerichtshof Antonin Scalia verteidigte den Einsatz von Folter und erklärte: „Durch die Folter eines Gefangenen, um die Codes für eine Zeitbombe zu erhalten, rettete Jack Bauer, Tausende Menschenleben“. Würden Sie Jack Bauer verurteilen ?
Jack Bauer, Geheimagent im Dienst des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, existiert nicht. Es handelt sich um den Helden der Spionageserie 24 Hours. Das erwähnte Szenario – eine Zeitbombe, eine inhaftierte Person besitzt den Code und weigert sich, ihn herauszugeben – ist tatsächlich nie vorgekommen und wird es wohl auch nicht.
Dennoch überzeugte das Argument. Dafür werden Fiktionen gemacht. Mit dieser unmöglichen Situation hat 24 Hours uns etwas glauben lassen, uns in die Haut des „Helden“ versetzt, die gleichen Emotionen ausgelöst, die angeblich Jack Bauer dazu brachten, jemanden zu foltern. Auch wenn wir wissen, es ist nur eine Geschichte... Behalten wir nicht Spuren davon?
Verzerrung der Zugehörigkeit
Wir sind soziale Wesen: Wir funktionieren in Gruppen. Unsere Familien, sozialen Klassen, Menschen mit gleichen Berufen oder Hobbys... All das sind Gruppen, zu denen wir gehören, freiwillig oder gezwungenermaßen, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.
Alles, was Menschen innerhalb einer Gruppe gemeinsam haben, macht es den Mitgliedern leichter, miteinander zu interagieren. Eine Gruppe teilt Lebenserfahrungen, Wissen und Können, Werte und die Funktionsweisen der Gruppe. Innerhalb einer Gruppe versteht man sich, wendet die gleichen Methoden an, glaubt an die gleichen Dinge, kurz: man vertraut einander leicht.
Die Kehrseite der Medaille: Eine Information, die von einem Unbekannten oder von außerhalb der Gruppe kommt, wirkt zweifelhaft. Natürlich ist sie das nicht unbedingt: Um es herauszufinden, sollte man die Information ernst nehmen, sie auf die Probe stellen, die Quellen überprüfen... Doch das wird man nicht tun, wenn die Heuristiken „Lüge“ rufen. Das wurde in der Praxis getestet: Je nachdem, ob ein und dieselbe Information von der bevorzugten politischen Partei oder einer anderen kommt, glaubt man nicht auf gleiche Weise daran.
Diese Immunreaktion der Gruppe auf externe Informationen ist nur schwer zu überwinden. Einerseits schützt sie die Gruppe vor Destabilisierungsversuchen der „Gegner“. Andererseits hindert sie die Gruppe daran, ihre Weltsicht gegebenenfalls zu korrigieren, und kann sie im Irrtum halten.
Verzerrung der „Überlebenskämpfer“
Wer Erfolg haben will, muss sich an den Siegern orientieren. Wirklich? Großartige Sportler, politische Mandatsträger, milliardenschwere Unternehmer... Man könnte meinen, selbst solche Erfolge zu erreichen, wenn man ihrem Vorbild folgt. Doch gibt es viele Berufene und wenige Auserwählte. Für jede Goldmedaille haben Hunderttausende von Athleten in ihrer Sportart jahrelang hart trainiert, an Ausscheiden und Turnieren teilgenommen... Wie viele Namen auf den Wählerlisten, wie viele neu gegründete Unternehmen jeden Tag?
„Survivorship Bias“ ist unsere Tendenz, die Chancen unserer Unternehmung zu überschätzen oder uns über seine Erfolgsbedingungen zu täuschen, weil wir uns auf die Gewinner, die „Überlebenden“, konzentrieren und die anderen ausblenden. Doch lernen wir genauso viel oder noch mehr aus Misserfolgen – unseren eigenen oder denen anderer.
Auch überschätzen wir die Bedeutung des Einzelnen gegenüber externen Faktoren. Wir schreiben unsere Erfolge unseren Eigenschaften zu, wie unserem Charakter oder Wissen, und vergessen die Umstände, die den Erfolg ermöglicht haben: Glück, materielle Bedingungen, eine goldene Kindheit, einflussreiche Familie, der richtige Zeitpunkt zum Starten...
Unbemerkt verfolgen wir vielleicht einen Weg zum Erfolg, der uns offensichtlich erscheint, doch noch nie jemandem wirklich gelungen ist . Und alle Hoffnungen auf eine unveränderliche Wunderformel zu setzen, ist eine riskante Wette.